Sorge um einen Freund

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Sorge um einen Freund

Beitragvon helen » 16.11.2011, 00:45

Ich habe mich aus Sorge um einen (kleinwüchsigen) Freund hier angemeldet. Wir studieren gemeinsam (sind 27), sind schon seit längerem (fast 4 Jahre) befreundet, und in der gesamten Zeit, in der wir uns kennen, hat er seine Größe nie thematisiert. Mir fällt es sehr schwer, dass dies nie zur Sprache gebracht wird, denn momentan sehe ich, dass er Probleme hat, die mit seinem Kleinwuchs zu tun haben. Als Freund möchte ich ihm natürlich helfen, ihn beratschlagen etc., aber ich merke immer mehr dass das nicht möglich ist, wenn er und ich die Tatsache, dass er kleinwüchsig ist, ignorieren.

Ich freue mich über Kontakte, die mir in dieser Situation helfen, mir von ihren eigenen Erfahrungen berichten möchten.
helen
 
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Beitragvon Morgekai » 16.11.2011, 11:21

Hallo Helen, ich glaube das das oft ein langer Prozess sein kann und das es kein Patentrezept dafür gibt. Mir hat man immer von Kind an nachgesagt, das ich sehr selbstbewusst bin, aber wenn ich ehrlich bin, habe ich auch versucht, fast mein ganzes Leben die Kleinwüchsigkeit zu ignorieren oder zu überspielen. Ich beobachte das heute auch noch bei vielen anderen Kleinwüchsigen. Ich musste fast 40 Jahre alt werden um meinen Körper anzunehmen und ihn sogar zu mögen, so wie er nun mal eben ist. Unsere Umwelt bzw. Gesellschaft erleichtert uns die Sache nicht unbedingt. Bei der Partnersuche geht es schon los. Es heisst immer, das es auf die inneren Werte ankommt, aber als kleinwüchsiger Mensch und insbesondere als Mann, erkennt man schnell das das ein Trugschluß ist. Es gibt bestimmt einige Damen die Deinen Freund ganz nett finden, aber wenn man mal ehrlich ist, wäre eine Partnerschaft oder sogar ein Kinderwunsch für viele garantiert undenkbar oder ein Kulturschock. Das ist die Heuchlerei an der ganzen Sache. Wenn man sich dann noch kluge Sprüche anhören muss, können gutgemeinte Ratschläge oft nach hinten losgehen. Das Paradoxe ist, das man sich selber einbildet, durch einen normalgewachsenen Partner, würde man etwas Normalität gewinnen und bekommt nicht jeden Tag den "Spiegel" vor Augen geführt. So lehnen wir selber oft kleinwüchsige Menschen als Partner ab, obwohl das sicher eine Option ist, einen Partner zu finden. Wenn man im Kopf nicht soweit ist, macht man einen großen Bogen um Kleinwuchstreffen und dergleichen. Und das ist nur ein Problem mit dem wir zu kämpfen haben, mal abgesehen von den eingeschränkten Berufschancen, Hürden im Alltag und täglichem Angaffen und Verspotten. Das ist ein sehr komplexes Thema und bietet jede Menge Frustpotential. Es gibt Menschen die todunglücklich sind, weil sie Luxusprobleme haben und meinen, die Nase sei zu schief oder weil unsere Gesellschaft uns durch TV und Werbung täglich vorgaukelt Körbchengröße A sei ein genetischer Defekt. Mit diesen Menschen kannst Du auch so oft reden wie Du willst, Du wirst in den meisten Fällen wenig Erfolg haben. Dort ist dann eine Operation oft der letzte Ausweg. Bei uns ist das nicht so einfach. Reden ist immer eine gute Sache, oder sicher auch ein Verein wie der VKM oder BKMF um zu sehen, das man nicht alleine mit solchen Problemen zu kämpfen hat. Aber wenn man nicht bereit ist, in den Spiegel zu schauen wird es sicher schwierig. Entweder bekommt man selber irgendwann die Kurve oder man wird irgendwann als verbitterter Mensch sterben.
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Beitragvon helen » 16.11.2011, 15:42

Vielen Dank für deine ausführliche Antwort und deine Gedanken! Die Probleme, die du beschreibst, sind genau die, die ich auch wahrnehme. Ich erlebe sooft, wie mein Freund angestarrt und beleidigt wird oder sich irgendwelche „unglaublich lustigen“ Kommentare anhören oder dummen Aktionen ausgesetzt sehen muss. Und es sind genau diese Momente in denen ich nicht weiß, wie ich reagieren soll, gerade weil wir ja seine Kleinwüchsigkeit „gemeinsam ignorieren“. Soll ich die Vorfälle dann übergehen (obwohl ich angesichts der Dummheit mancher Leute innerlich koche und diese in Grund und Boden schlagen könnte) wie er es immer macht, oder versuchen, ihn irgendwie aufzubauen, oder kommt dass dann blöd an (das ist genau das was du mit gutgemeinten Ratschlägen meinst, die nach hinten losgehen, oder?) etc. etc. Das sind die Fragen, die ich mir stelle.

Ich merke auch, dass er sich sehr nach einer Partnerin sehnt. Die meisten seiner Freunde sind Männer, und diese gehen auch (fast alle) davon aus, dass sich die Partnersuche bei ihm genauso gestaltet wie bei ihnen. Ich weiß nicht, inwiefern sie mit ihm darüber reden, da er ja generell das Thema Kleinwüchsigkeit nie anschneidet. Ich sehe aber genau die Probleme, die du auch aufzählst. Er hat schon seine Erfahrungen, aber die sind immer nur von kurzer Dauer. Ich habe auch das Gefühl, dass frau vielleicht am Anfang alles problemlos sieht oder „fasziniert“ ist, sich dann aber doch, wie du selbst sagst, nicht von den gängigen Konventionen abwenden will.

Ich wünsche mir einfach, dass er glücklich ist, dass er ein Leben führen kann, dass so normal wie möglich ist. Ich glaube aber auch, dass es dazu notwendig ist, dass er seine Kleinwüchsigkeit nicht mehr überspielt und diese akzeptiert. Aber wahrscheinlich kann ich ihm da – vor allen Dingen als Unbeteiligte – nicht weiterhelfen.
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Beitragvon Morgekai » 17.11.2011, 00:34

Ihr scheint eine tolle Freundschaft zu haben. Bist Du Dir eigentlich 100% sicher, das er sich nicht eine Partnerschaft mit Dir wünscht, oder ist das völlig ausgeschlossen? Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, das wenn man alles andere als ein Adonis ist, man schnell lernt seine Gefühle gut zu verbergen und sich nicht unbedingt den vorprogrammierten Korb abholen muss. Wenn diese Möglichkeit bestehen sollte, ist er innerlich vielleicht auch von Dir enttäuscht und ich glaube das Du dann einen schweren Stand hast. Mitleid oder ein schlechtes Gewissen kann man dann nämlich nur schwer ertragen. Trotz Eurer langjährigen Freundschaft scheinen ja einige Themen schließlich auch tabu zu sein.

Zu Deiner Frage. Früher als ich meine Kleinwüchsigkeit verleugnet habe, war es mir auch immer peinlich und ich war froh wenn mein Umfeld es mit mir "gemeinsam ignoriert" hat. Heute glaube ich, das das der falsche Weg war. Das Anstarren z.B. liegt ja in der Natur des Menschen. Ich schaue mir auch oft Sachen genau an, die ich nicht kenne oder Menschen die ich interessant finde. Sehen wir es doch mal positiv, wir sind nun mal seltenen und außergewöhnliche Menschen. Leider von der heutigen Gesellschaft ins Abseits gedrängt. Wenn man dieses Bewusstsein hat, das diese Blicke nur aus Neugier, Unwissenheit, Dummheit oder schlechte Erziehung entstehen, sollte der Zorn eigentlich nicht mehr so groß sein. Blindes Verständnis untereinander finde ich dann immer am schönsten. Ein Blick, ein Lächeln und man weiß, das man unter Beobachtung steht ;) Anstatt von peinlicher Berührtheit können solche Momente magisch sein, wenn man weiß das man das gleiche denkt und fühlt. Spott, Witze oder dumme Kommentare sind oft ein Zeichen von Schwäche. Da es sich hier schon oft um eine Art von Mobbing geht, um die eigene Person im wahrsten Sinne des Wortes "größer" erscheinen zu lassen und uns noch "kleiner" zu machen, finde ich es wichtig Geschlossenheit zu demonstrieren. Wenn Freunde sich dann solidarisch oder couragiert zeigen, finde ich das sehr gut und nimmt oft den Aggressoren den Wind aus den Segeln. Auch wenn einem nach Schlagen ist, kann man mit ein paar Worten oft größere Wirkung erzielen. Wenn man sich nämlich über einen Gen-Defekt und das Leid von anderen Menschen lustig macht, ist das nämlich kein Zeugnis von übermässiger Intelligenz und wenn man das sachlich vermitteln kann, wird jedem schnell klar, wem diese Situation eigentlich wirklich peinlich sein sollte. Es gibt natürlich auch Menschen, die so dumm sind, das Ignoranz tatsächlich die beste Option ist. Trotz allem sollte man aber auch nicht alles so verbissen sehen, wenn man mit sich im reinen ist, kann man auch mal über sich selbst lachen. Vor meinen Freunden hätte ich mir früher auch nie die Blöße in Bezug auf Damenbekanntschaften gegeben, im Gegenteil ich habe da oft übertrieben, wo gar nichts war, um mich nicht als "Versager" zu outen.

Wenn Ihr wirklich richtige Freunde seid, sollte seine Kleinwüchsigkeit aber eigentlich kein Tabu-Thema sein. Es scheint Dich ja sehr zu beschäftigen und zu belasten, und das solltest Du ihm meiner Meinung auch offen und ehrlich so sagen. Wenn Du seine Freundin bist, bist Du ja keine Unbeteiligte. Was sollen das denn bitte für Freunde sein, die davon ausgehen, das sich die Partnersuche bei einem kleinwüchsigen Menschen ähnlich wie bei sich selbst gestalten? :shock: Genau deshalb finde ich auch wichtig, das Du signalisierst, das Du ihn verstehst. Wenn er Deine Hilfe nicht möchte, hast Du es wenigstens versucht und wenn er irgendwann mal soweit sein sollte, weiss er das er auf Dich zählen kann.
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Beitragvon hanneswf » 14.12.2011, 09:23

Ich denke jeder geht damit auf seine eigene Art um, wenn du es ansprechen willst würde ich das tun, du merkst ja wenn es ihm unangenehm wird, vielleicht ist es aber auch gnaz gut und klärt einiges wenn du ihm irgendwie helfen kannst.
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